Gardners Theorie der vielfachen Intelligenzen: Lernziele aus psychologischer Sicht

Eltern wollen, dass ihre Kinder klug werden. Häufig ist aber unklar, was Klugheit bzw. Intelligenz überhaupt ist. Die Beschäftigung mit diesem Thema ist wichtig für einen Kindergarten.
Was ist Intelligenz? Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Was man sicher weiß: Intelligenz kann weder nur durch eine IQ-Zahl erfasst, noch bloss anhand von Leistungen erkannt werden. Faktoren wie Motivation und Kreativität sowie das Umfeld des Kindes spielen eine große Rolle. Was wir ebenfalls wissen ist, dass Begabungen durch das Zusammenspiel von erblichen Anlagen und durch die Umwelt bestimmt werden. Das heißt, Begabungen können verkümmern oder sich entfalten. Deshalb ist es wichtig, diese früh zu erkennen und zu fördern. Intelligenzmodelle können helfen, verschiedene Begabungen zu erkennen. Eines davon ist das Modell des amerikanischen Intelligenzforschers und Psychologieprofessors Howard Gardner.

Die neun Intelligenzen
Howard Gardner hat aufgrund neurobiologischer und neuropsychologischer Erkenntnisse die Theorie der vielfachen Intelligenzen entwickelt. Diese ist für die meisten Fachleute und vor allem für Unterrichtende wegweisend. Aufgrund bestimmter Kriterien hat er neun verschiedene Intelligenzen definiert.

1. Sprachliche Intelligenz: Die Fähigkeit Sprache, sei es die Muttersprache oder eine Fremdsprache, treffsicher einzusetzen, um eigene Gedanken auszudrücken, zu reflektieren oder andere zu verstehen. Dichter, Autorinnen, Redner, Rechtsanwältinnen, Werber und Journalistinnen haben diese Fähigkeit beispielsweise besonders weit entwickelt.

2. Musikalische Intelligenz:
Die Fähigkeit in Musik zu denken, musikalische Rhythmen und Muster wahrzunehmen, zu erkennen, zu erinnern, umzuwandeln und wiederzugeben. Viele Komponisten, Musikerinnen und Dirigenten sprechen davon, ständig «Töne im Kopf» zu haben. Neue Untersuchungen zeigen, dass eine frühe musikalische Förderung viele andere Intelligenzbereiche wesentlich und positiv beeinflusst. Unsere Erzieherinnen sind ausgewiesene Spezialistinnen im Bereich musikalische Früherziehung.

3. Logisch-mathematische Intelligenz
: Die Fähigkeit, mit Beweisketten umzugehen und durch Abstraktionen Ähnlichkeiten zwischen Dingen zu erkennen, sowie die Fähigkeit, mit Zahlen, Mengen und mentalen Operationen umzugehen.
Wissenschaftlerinnen, Computerfachleute und Philosophinnen haben eine stark ausgeprägte logisch-mathematische Intelligenz.

4. Räumliche Intelligenz:
Die Fähigkeit, Visuelles richtig wahrzunehmen, damit im Kopf zu experimentieren und sich die Welt räumlich vorzustellen. Der Schachspieler oder die Bildhauerin brauchen diese Fähigkeit ebenso wie die Architektin oder der Kunstmaler. Mit Puzzles, Tangram und Origami kann diese Fähigkeit schon früh spielerisch gefördert werden, ebenso durch Bewegungen usw.

5. Körperlich-Intelligenz:
Die Fähigkeit, seinen ganzen Körper oder Teile, wie Hände oder Füsse, geschickt einzusetzen um ein Problem zu lösen oder etwas zu produzieren. Sportler, Schauspielerinnen, Chirurginnen und Tänzer haben diese Fähigkeit in großem Masse entwickelt.

6. Intrapersonale Intelligenz:
Die Fähigkeit, Impulse zu kontrollieren, eigene Grenzen zu kennen und mit den eigenen Gefühlen klug umzugehen. Personen mit intrapersonaler Kompetenz kennen ihre Möglichkeiten gut und ziehen uns oft an. Schauspieler, Schriftstellerinnen und Künstler machen diese Fähigkeiten zu ihrem Beruf. Kinder, die ihre Befindlichkeit besonders gut wahrnehmen und äußern können, sowie ihre Stärken und Grenzen erkennen, haben eine ausgeprägte intrapersonale Intelligenz.

7. Interpersonale Intelligenz:
Die Fähigkeit, andere Menschen zu verstehen und mit ihnen einfühlsam zu kommunizieren. Diese Veranlagung ist vor allem bei Lehrerinnen, Verkäufern, Politikerinnen oder Therapeuten stark entwickelt. Intra- und Interpersonale Intelligenzen sind stark miteinander verbunden und gehören beide zur emotionalen Intelligenz.

8. Naturalistische Intelligenz:
Die Fähigkeit, zu beobachten, zu unterscheiden, zu erkennen, sowie eine Sensibilität für die Natur und ihre Phänomene zu entwickeln.
Förster, Botanikerinnen, Biologen, Tierärztinnen, Umweltexperten und Köchinnen zeigen eine ausgeprägte naturalistische Intelligenz.

9. Existenzielle Intelligenz:
Die Fähigkeit, die wesentlichen Fragen unseres Daseins zu erkennen und Antworten dazu zu suchen. Spirituelle Führer und philosophische Denker und Denkerinnen verkörpern diese Fähigkeit. Der Dalai Lama ist ein Vertreter dieser Intelligenz. Die existenzielle Intelligenz ist von Howard Gardner noch nicht als definitiv erklärte Intelligenz beschrieben worden.

Begabungen anerkennen
Wertschätzung beginnt da, wo die Begabungen und Fähigkeiten aller Mädchen und Jungen von den Eltern und Lehrpersonen nicht nur erkannt, sondern täglich anerkannt werden.
Im Kindergarten könnte dies etwa so aussehen: «Was könnt ihr besonders gut?» Diese Frage stellt die Kindergärtnerin, nachdem sie mit den Kindern über verschiedene Begabungen gesprochen hat.
«Ich kann gut Dinge übersetzen. Wenn zum Beispiel meine Mutter, die besser litauisch spricht, am Telefon ein deutsches Wort sucht, dann kann ich es ihr meist sagen.» – «Ich kann Schach spielen.» – «Klavier spielen ist etwas, dass ich sehr gerne lerne und auch schon ein bisschen kann.» – «Ich löse gerne Rätselaufgaben.» – «Ich habe beim Basteln immer so gute Ideen.» – «Ich erfinde gerne Geschichten.» «Worüber möchtet ihr mehr wissen? Was sammelt ihr gerne? Was möchtet ihr noch ein bisschen besser können? Erzählt etwas worauf ihr stolz seid.»

Literatur
Howard Gardner, Abschied vom IQ. Die Rahmentheorie der vielfachen Intelligenzen, 1998, Intelligenzen, 2002, beide im Klett Cotta Verlag erschienen
Joëlle Huser, Lichtblick für helle Köpfe, Ein Wegweiser zur Erkennung und Förderung von hohen Begabungen bei Kindern und Jugendlichen aller Schulstufen, Lehrmittelverlag des Kantons Zürich, 3. Auflage, 2000
Die Ausführungen stützen sich zu großen Teilen auf einen Text von Joëlle Huser. Sie arbeitet als Fachberaterin mit Eltern und Lehrpersonen, gibt Förderkurse für begabte Mädchen und leitet seit 2001 die europäische ECHA (European Council of High Ability) – Diplomausbildung zum «Specialist in Gifted Education» für die Schweiz (www.echa-switzerland.ch)