2008 wurde unser Kindergarten mit dem Europäischen Sprachensiegel (European Language Label) für unseren kreativen und innovativen Fremdsprachenunterricht ausgezeichnet. Wir waren die ersten landesweit, die mit Hilfe des Immersionsprinzips im bilingualen Fremdsprachenlernen arbeiteten. Die Grundsätze „eine Person – eine Sprache“ in unserer Kindertagesstätte bzw. „eine Umgebung – eine Sprache“ in unserer Schule gelten selbstverständlich auch heute. Wissenschaftlich ist mittlerweile nachgewiesen, dass die Aneignung einer Fremdsprache derjenigen der Muttersprache entspricht: vom (Zu)hören übers Begreifen bis hin zum Sprechen und erst später – Lesen und Schreiben. Die Fähigkeiten und Leistungen der Kinder im „Saulės gojus“ bestätigen uns dies täglich aufs Neue. Unser Erfolg zeigt, dass das 2002 beim EU-Gipfeltreffen von Barcelona gesteckte strategische Ziel –mindestens 2 Fremdsprachen neben der Muttersprache von früh auf – realistisch ist.
Die Zeit im Kindergarten ist für den Erwerb einer neuen Sprache besonders günstig. Den Kleinsten fällt das Erlernen einer zweiten Sprache ähnlich leicht wie das Erlernen der Muttersprache. Voraussetzung ist ein kindgerechter Unterricht, der um die Erwerbsprozesse und neurobiologischen Grundlagen weiß und diese Kenntnisse im täglichen Beisammensein mit den Kindern anwendet. Der frühe Kontakt mit Fremdsprachen fördert zudem die gesamte geistige und kognitive Entwicklung des Kindes. Kinder, die in einer bilingualen Umgebung aufwachsen, gehen mit Sprache bewusster um: So sind sie imstande, sich in die Lage von Menschen zu versetzen, die Schwierigkeiten mit dem Verständnis einer ihnen fremden Sprache haben. In unserer globalen Welt haben mehrsprachige Menschen in ihrem beruflichen Werdegang einen unschätzbaren Vorteil. Durch Bücher, Filme und andere Medien sowie durch den lebendigen Austausch mit Menschen aus anderen Ländern erschließen sie sich neue Kulturräume. Dies wäre ohne Fremdsprachenkenntnisse nicht möglich. Fremdsprachen erweitern unseren Horizont.
Die frühe Kindheit ist besonders gut geeignet für das spielerische Erlernen der Fremdsprachen. So ist die Angst, dass Kinder mit dem parallelen Erwerb von zwei Sprachen überfordert seien, unbegründet, insbesondere, wenn man mit dem Unterricht der im Kindergarten gelernten Fremdsprache in der Schule fortfährt und dabei die aktuellen Kenntnisse der Spracherwerbsforschung berücksichtigt. Das Kind muss die Muttersprache nicht perfekt beherrschen, bevor es mit dem Lernen einer neuen Sprache beginnt. Im täglichen Kontakt mit der Fremdsprache entwickeln die Kinder ein Sprachgefühl, das sie bewusster im Umgang mit ihrer Muttersprache macht. In der Regel übertreffen ihre muttersprachlichen Fähigkeiten die ihrer Schulkameraden. Auf einen insgesamt positiven Einfluss weisen z. B. ihre besseren Leistungen im Fach Mathematik hin.
Litauisch unterscheidet sich in seiner Struktur besonders stark von den meisten europäischen Sprachen. Kinder, die Litauisch als Fremdsprache lernen, entwickeln deshalb ein stärkeres Bewusstsein für ihre Muttersprache. Ein englischsprachiges Kind mag zwar später mit der litauischen Sprache kaum oder überhaupt nicht mehr in Berührung kommen; sein früherer Kontakt mit dieser Sprache wird jedoch ohne Zweifel die Entwicklung seiner sprachlichen und kognitiven Kompetenzen positiv beeinflussen.