"Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt."
Ludwig Wittgenstein, 1889 – 1951
Kleine Kinder erwerben eine zweite Sprache in der gleichen Mühelosigkeit wie die erste. Der frühe Beginn mit Fremdsprachen fördert dazu die gesamte geistige (kognitive) Entwicklung. Zweisprachig betreute Kinder werden sich bewusster über Sprache. Sie lernen, flexibel zu denken, und versuchen, sich in andere Menschen hinein zu versetzen, die nicht so gut verstehen wie sie selbst. Für mehrsprachige Menschen eröffnen sich neue Chancen in Schule und Beruf. Sie bekommen mit Hilfen von fremdsprachlichen Büchern, Filmen usw. einen Zugang zu fremden Kulturen, der ohne Fremdsprachenkenntnisse nicht möglich wäre.
Die Kindergartenzeit eignet sich besonders gut, um eine neue Sprache einzuführen. Die Kinder erhalten aber keinen herkömmlichen Sprachunterricht, wie Eltern ihn aus der Schule kennen, sondern Immersionsunterricht. Immersion meint „eintauchen“, sinngemäß „Sprachbad“. Im bilingualen (zweisprachigen) Kindergarten ist die neue Sprache Arbeits- und Umgangssprache. Nach dem Prinzip „Eine Person – eine Sprache“ spricht eine Erziehungskraft nur Litauisch (bzw. Deutsch oder Englisch), die andere die neue Sprache. Zur Zeit bieten wir zwei Gruppen mit den Sprachkombinationen Litauisch-Deutsch und Litauisch-Englisch an.
Alles, was die fremdsprachliche Betreuungskraft sagt, verstärkt sie durch Mimik, Gestik oder Zeigen. Das Kind erschließt sich dann die Sprache eigenständig Stück für Stück aus dem Zusammenhang der Situation. Dies bildet die natürliche Art nach, wie Kinder Sprachen lernen, gleichgültig, ob als erste oder als zweite. Immersion verfährt daher kindgerechter als jede andere Methode. Sie motiviert stark und ohne Zwang und ohne Leistungsdruck aus. Immersion überfordert kein Kind. Kein Wunder daher, dass Immersion anerkanntermaßen weltweit als die erfolgreichste Methode gilt, Sprachen zu vermitteln.
Ängste wie „Die Kinder lernen nicht richtig ihre Muttersprache. Sie sind überfordert“ usw. sind unbegründet, besonders wenn der Kindergarten gemachte Anfang in der Schule konsequent weitergeführt wird. Ein Kind muss nicht erst eine Sprache beherrschen, bevor eine zweite dazu kommen kann. Weil die Kinder ihr Wissen über Sprache unbewusst auch auf die Muttersprache übertragen, übertreffen sie oft sogar ihre Altersgenossen in der muttersprachlichen Kompetenz. Dass die geistige Entwicklung gefördert wird, erweist sich z.B.in besseren Ergebnissen im Fach Mathematik.
Die litauische Sprache unterscheidet sich in ihrem Aufbau von den meisten europäischen Sprachen. Kinder, die litauisch lernen, werden sich deshalb ihrer eigenen Sprache bewusster. Auch wenn ein Kind aus einer englischsprachigen Familie späterer wahrscheinlich die litauische Sprache nur selten anwendet, fördert die Auseinandersetzung mit ihr die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten. Bei ausreichendem Bedarf können wir auf Elternwünsche eingehen und z.B. eine englisch-deutsche Gruppe einrichten.
Sprachen lernen kann jedes Kind
Immersion fordert keine besondere Begabung. Sie eignet sich für Kinder aller sozialen Schichten. Jeder Mensch verfügt genetisch über die erforderlichen Fähigkeiten, Sprachen zu lernen. Wichtig ist: Kinder müssen genügend Zeit mit der neuen Sprache verbringen, der Kontakt zur Sprache muss vielfältig sein und lange genug anhalten. Durch den Kontakt mit anderssprachigen Menschen wird zudem die Furcht vor dem Fremdartigen verringert und Toleranz gefördert.
Zu Hause
Eltern brauchen die neue Sprache nicht zu beherrschen oder zu Hause zu üben. Sie sollten aber der Immersion gegenüber positiv eingestellt sein. Ein Immersionskind kann bei einem Umzug in einen normalen Kindergarten wechseln. Hört der Sprachkontakt auf, fällt das Kind in der Fremdsprache zurück. Die Zeit war dennoch nicht umsonst, denn eine verschüttete Sprache kann später reaktiviert werden, wenn der Sprachkontakt wieder hergestellt wird. Ein Kind, dass zwei Sprachen spricht, ist schöpferischer und bringt bessere intellektuelle Voraussetzungen mit, weitere Sprache zu lernen.
Weltweit erfolgreich
Immersion gibt es seit vielen Jahren in vielen Ländern, insbesondere in Kanada, Australien, Singapur, in jüngerer Zeit auch in Spanien, Finnland, Frankreich oder Deutschland. In Litauen gibt es keine weiteren bilingualen Kindergärten.
Fremdsprachen: Schüsselqualifikation für Europa
Mehrsprachigkeit erfüllt eine besonders wichtige Voraussetzung für Frieden und Toleranz. In Europa stellt die volle Kommunikationsfähigkeit in mehreren Sprachen eine Schlüsselqualifikation dar. Deswegen haben die EU-Staats- und Regierungschefs im Frühjahr 2002 auf ihrem Gipfeltreffen in Barcelona eine Vereinbarung getroffen. Alle Kinder in der EU sollen die Chance haben, schon früh ihre Muttersprache PLUS zwei eitere Sprachen zu lernen. Viele von uns Erwachsenen haben am eigenen Leib erlebt, dass die traditionellen schulischen Kenntnisse in Fremdsprachen selten zu gewandter Kommunikation befähigen.
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Die Ausführungen stammen mit freundlicher Genehmigung aus der gleichnamigen Broschüre des Vereins für frühe Mehrsprachigkeit an Kindergarten und Schule e.V. (www.fmks-online.de).